Wandel im Internet: .shop, .berlin und .bmw schon 2010 möglich?
17. September 2009Der Startschuss für neue Top Level Domains ist gefallen – und das aus gutem Grund: Nachdem die Nachfrage nach Domains immer größer und die Möglichkeiten für gute Namen immer kleiner wird, hat die internationale Domainverwaltungsbehörde ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) beschlossen, ab dem Frühjahr 2010 neue Top Level Domains (TLDs) zuzulassen. Konkret heißt das: Ab kommendem Jahr ist die Registrierung von vielen neuen Namen als TLD möglich. Schätzungen zufolge könnten mit diesem Schritt bis zu 2.000 neue Top Level Domains registriert werden. Das stellt sowohl die ICANN, als auch die nationalen Registrierungsbehörden vor viele Fragen. Zum Beispiel: Wer bekommt .wien? Wer hat das Recht auf .shop? Und was passiert mit .bmw und anderen Marken?
Weltweit rittern nun Interessenten um regionale Domains wie .berlin, .nyc, .vienna, etc. und Markendomains wie .apple, .nike oder .bmw. Zwischen amerikanischen und kanadischen Umweltschutzgruppen ist z.B. ein regelrechter Kampf um die Domain .eco entstanden. Ausgang: ungewiss. Außerdem stehen verschiedene Interessensgemeinschaften und Zusammenschlüsse, die sich rund um Städte und Regionen gebildet haben, in den Startlöchern. „Fakt ist, dass die Registrierung einer eigenen Top Level Domain mit einem nicht
unerheblichen Kostenaufwand verbunden ist. Es ist daher wichtig, dass die Mittel und die Unterstützung – auch von Seiten der Politik und Verwaltung – für Domains wie .salzburg, .tirol oder .vienna vorhanden sind“, erklärt Richard Wein, Geschäftsführer der österreichischen Domainregistrierungs- und -verwaltungsstelle nic.at.
Domains sind schon lange keine bloßen Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen mehr. Die Absicherung des eigenen „Grundstücks“ – als Präsentationsplattformen für Unternehmen, Produkte oder auch der Marke „Ich“ – im Internet ist mittlerweile unverzichtbar geworden. Denn wer nicht im Internet ist, den gibt’s quasi gar nicht. Daher
gilt es, rechtzeitig sein Territorium abzustecken. Experten erwarten jedoch, dass die Vergabe nicht ganz reibungslos ablaufen wird: „Weltweit gibt es mehr als 20 Städte mit dem Namen Vienna. Wer nun .vienna bekommt, hängt darum stark von der Bewerbung ab.
Dass es die österreichische Hauptstadt wird, ist nicht gesichert“, zeichnet Wein ein mögliches Szenario. Eingereicht werden kann nach aktuellem Zeitplan ab Februar 2010, Ende 2010 erfolgt voraussichtlich die Vergabe durch die ICANN. Einreichgebühr: $ 185.000.
Die große Frage, die die Domainwelt derzeit bewegt ist: Wird der ICANN-Vertrag mit der US-amerikanischen Regierung im September 2009 verlängert, oder wird die ICANN in die Unabhängigkeit entlassen? Zum Hintergrund: Die ICANN ist eine Non-Profit-Organisation und die weltweite Aufsichtsbehörde für das Internet. Ihr Hauptsitz befindet sich in Kalifornien und durch vertragliche Beziehungen untersteht sie dem US-amerikanischen Wirtschaftsministerium. Der Vertrag wurde in regelmäßigem Abstand von zwei Jahren immer
wieder verlängert – im September 2009 ist es wieder soweit. Nach dieser Entscheidung werden beim ICANNMeeting im November die Weichen für die Einführung der neuen TLDs gestellt.
China und Russland überlegen ihr „eigenes Internet“, und zwar in kyrillischer Schrift bzw. in chinesischen Schriftzeichen, aufzusetzen. Der Grund dafür: Sie wurden bisher nur unzureichend in der vorwiegend westlich oder – verschärft formuliert – in der englischsprachig dominierten Verwaltungstätigkeit der ICANN berücksichtigt.
Eine der Vorzeigeinitiativen rund um eine Top Level Domain hat sich in Berlin gebildet: dotBERLIN setzt sich für die Registrierung der Domain .berlin ein und ist damit
eine der weltweit ersten Initiativen für die TLD-Registrierung einer Stadt. Domains wie zoo.berlin oder maler.berlin wären nach der Einführung von .berlin bald möglich. Gründer und Geschäftsführer Dirk Krischenowski stellt vor allem den lokalen Bezug in den Mittelpunkt seiner Bestrebungen: „Das Internet wird immer lokaler. Die Menschen orientieren sich an lokalen Angeboten, bearbeiten den lokalen Markt und tätigen lokale Suchabfragen. Domains wie .berlin sind eine ideale Möglichkeit, um diesem Trend zu begegnen. Außerdem sind sie gut dafür geeignet, Berlin national wie auch international als attraktiven und dynamischen Standort zu positionieren.“
dotBERLIN möchte stellvertretend für alle Berliner und alle Organisationen und Unternehmen mit engem Bezug zur Stadt die Grundlage dafür schaffen, dass jeder seine eigene Domain mit der Endung .berlin registrieren kann. „Im Moment sind wir dabei, die Bewerbungsunterlagen zu erstellen. Wir erhalten dabei Unterstützung von vielen Organisationen, aber auch die Landespolitik hat großes Interesse daran, bestimmte Domains für sich zu bekommen“, erklärt Krischenowski den aktuellen Stand im Bewerbungsprozess. Verwaltet würde .berlin nach dem Zuschlag durch die dotBERLIN GmbH & Co. KG – einer privaten Organisation mit vielen Teilhabern aus der Berliner Community und der Internetwirtschaft.
Die Chance für den Zuschlag oder das Risiko einer Ablehnung eines Antrags kann nicht pauschal für alle Unternehmen oder Regionen festgelegt werden. Das Chancen-Risiko-Profil ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Grundsätzlich gilt jedoch: Wer zuerst .marke oder .firma beantragt, erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit den Zuschlag. Bewerbungen für Städte und Regionen können aber nicht gegen den Willen der betroffenen Gebietskörperschaften erfolgreich sein. Hat man sich als Unternehmen oder Region für die Beantragung einer
eigenen Domain entschieden, ergeben sich bei einem positiven Zuspruch der Domain vielfältige Möglichkeiten für die Gestaltung und Strukturierung des neuen Namensraums. Neue Geschäftsmodelle, wie z.B. das Anbieten einer eigenen Domain an einen bestimmten Premium-Kundenkreis, können sich daraus entwickeln.
„Die Internetwirtschaft wächst weltweit – auch in Österreich ist dieser Trend feststellbar“, so Andreas Wildberger, Generalsekretär der ISPA (Internet Service Providers Austria). Dass dieser Trend kein schnelles Ende findet, dafür soll nicht zuletzt auch die Einführung der neuen Top Level Domains sorgen. Denn der beobachtbare Lokalisierungstrend kommt nicht nur Regionen und dem normalen Konsumenten, sondern auch Unternehmen der Internetwirtschaft zugute. „Sie sind es letztendlich, die als ‚Andockstelle‘ zwischen global und lokal fungieren und das Internet durch das Anbieten von Infrastruktur, Content & Services sowie Security & Safety für den Benutzer verwertbar machen“, so Wildberger.
Die Einführung neuer Top Level Domains bietet eine Fülle an Chancen für den Service-Bereich. „Durch die neuen Top Level Domains werden sich ganz neue Geschäftsmodelle eröffnen. Das Angebot entwickelt sich neben dem bisher üblichen Verkauf standardisierter, günstiger Einzelleistungen in Form von Domains, auch in Richtung ausdifferenzierter, spezialisierter Dienstleistungen“, zeichnet Wildberger einen Blick in die Zukunft.
Diese Bewegung kann nur unter den richtigen Rahmenbedingungen stattfinden. Die ISPA als Interessenvertretung der Internetwirtschaft in Österreich setzt sich für eben diese Rahmenbedingungen ein: „Ziel ist es, ein wirtschaftlich, rechtlich und organisatorisch wettbewerbsneutrales Umfeld zu schaffen, in dem sich die Unternehmen in dieser Branche voll und ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und der Einführung der neuen Top Level Domains mit Professionalität begegnen können“, erklärt Wildberger.
„Die Einführung neuer TLDs zeigt, dass die Entwicklung des Internets voranschreitet. Als ISPA setzen wir uns dafür ein, die Herausforderungen, die diese Entwicklungen für das rechtliche organisatorische Umfeld darstellen, anzunehmen und für die Internet-Wirtschaft optimal zu gestalten. Damit die österreichischen Internet-Unternehmen vor allem eines
können: Sich auf ihr Geschäft konzentrieren“, so Wildberger abschließend.
(Text entnommen aus der Pressemappe der Veranstaltung „Neue Top Level Domains“, die am 15. September 2009 min Wien stattfand und von nic.at und ispa organisaiert wurde.)
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